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Das Ungewisse

Description:  Da ich am nächsten Morgen von einem Stoß in die Rippen aufwachte, mußte ich wohl doch irgendwann eingeschlafen sein.
Author:Edmond Pollak
deutsch
  
ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII 
 
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Das Ungewisse

Wieder blickte ich in dieses leere Ungewisse. Eine Woche war seit dem Vorfall vergangen, daß Jane uns mit der Sabotage des Zeitanomalie-Sensors hunderte Millionen Jahre in die Zukunft katapultiert hatte. Cer rechnete noch immer daran, wie weit wir nun in der Zeit waren. Einen Rückweg zu den Emonianern gabs nicht mehr. Der Zeitanomalie-Sensor war schließlich irreperabel beschädigt. Wir konnten von Glück reden, daß Jack es geschafft hat, uns aus dem blauen Flackern zu manövrieren, ohne daß es unser Schiff zerriß.
Ob es die Sonne noch gab ? Ob es die Menschheit noch gab ? Wohl kaum. Vermutlich hatten sich alle Rassen, denen es so wichtig war, sich zu bekriegen; sich Vorteile zu verschaffen; die Gaiaplaneten einzunehmen, schon gegenseitig ausgelöscht – oder die Natur hat sie ausgelöscht. Schließlich kollidierte vor uns die Milchstraße und die Andromeda-Galaxie. Ein Ort, der wohl vieles umwirbelte. Viele Karten wieder neu mischte... auch die unseren...
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Verwaltung und die Sicherheit, dahinter käme, wer der Saboteur war. Eine Zeitlang dachte man auch, es sei ein Emonianer gewesen. Aber schließlich hat man nun auch schon herausbekommen, daß der Saboteur ein Mensch gewesen sein muß. Was mich und Jane wohl erwartet....
„Hab ich das Richtige gemacht ?“, flüsterte eine Stimme an mein Ohr, und eine warme Hand ergriff die meine... Es war Jane.
„Ich weiß nicht...“, antwortete ich, mit leerem Blick aus dem Fenster im Maschinenraum.
„Ich weiß nicht...“, wiederholte ich mit einer wanken Stimme.
Es beunruhigte sie. Sie schmiegte sich an mich – aus Angst. Sie wußte es auch : es war eine Frage der Zeit.
„Ich wollte nur das Beste für uns.“, sagte sie, wie eine sich schuldig Fühlende. „Wirst du zu mir stehen ?“, fügte sie hinzu.
„Ja... das werde ich.“ -
„Ja.“, wiederholte ich bestimmter, und sie schien beruhigter zu atmen.

„Dr. Jane Willow – sie werden angeklagt, ein Eigentum der Föderation der Menschheit mutwillig sabotiert zu haben. Sie waren zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig, wie wir ermitteln konnten. Die Beweise – 2 Videoaufzeichnungen – 3 Tonbandaufzeichnungen, sowie die Dinge die wir vor Ort fanden : eine verbrannte Polyesterfaser von einer Kleidung die sie 22 Minuten nach der Tat vernichteten, sowie etwaige Hautschuppen und Schweißrückstände – dessen Beweiskraft bei 99,9999 Prozent liegen, müssen folgern, daß sie die Schuldige waren.“, sprach die Anwaltschaft der Sicherheit.
Der Richter sprach : „Dr. Jane Willow, haben sie hilfreiche Sachverhalte und Motive, oder ein Alibi mitzuteilen, das dem Gericht noch unbekannt ist ?“
„Nein.“, sagte Jane schwach. Wie würde es schließlich klingen, wenn sie als Doktorin der Temporalphysik sagte, sie hätte aus Liebe den Zeitanomalie-Sensor sabotiert?
„Hat der Anwalt der Angeklagten noch etwas zu sagen ?“, fragte der Richter.
„Verehrter Richter – wir müssen bei der Angeklagten von einer Frau ausgehen, die keine Vorstrafen hat – und der Menschheit bisher immer loyale Dienste geleistet hat. Sie wurde vom stellvertrettendem Vizeleiter des Forschungskomitees selbst, für diese Mission vorgeschlagen. Es ist ihre 4. Forschungsmission. Bei all den 3 vorigen Missionen hat sie die maximale Verdienstpunktezahl erreicht, die in ihrem Status möglich waren. Angesichts dieser positiven Vergangenheit und Leistungen, will ich den Verdacht zu schöpfen wagen, daß andere Umstände sie zu dieser Tat gezwungen haben – ja ich schließe selbst eine suggestive Wirkung seitens der Emonianer nicht aus, um uns für immer von ihrem Gebiet fern zu halten. Sie müssen wissen, die Emonianer hatten keine Waffen – sie hatten zwar eine hohe Technologie – dennoch wußten sie nicht, was für einer Streitkraft sie entgegenstehen...“, sagte der Anwalt, und wurde unterbrochen...
„Einspruch ! Die Emonianer hatten keinen Grund uns als Bedrohung zu sehen, weil sie in vielen Millionen Jahren keiner Bedrohung ausgesetzt waren. Sie dürften desensibilisiert sein, gegenüber jeder Art von Intuition, sich bedroht zu fühlen.“, sagte die Anwaltschaft der Sicherheit.
„Das stimmt – es gibt keinen Hinweis darauf, daß sie sich bedroht fühlten, und gezwungen waren, von zugegebenermaßen vorhandenen psychischen Kräften Gebrauch zu machen. Dem Einspruch wird stattgegeben. Gehen sie nicht von Hypothesen aus und kommen sie zum Punkt, Anwalt Turns.“, sagte der Richter.
„Gut – ich muß ihnen sagen, daß Angesichts der Leistungen dieser Frau Doktorin, und Angesichts der Lage, in der wir sind, keinen Menschen entbehren können. Vor allem nicht aus A5, welche sich auch mit Temporalphysik auseinandersetzt. Ich bitte um ein mildes Urteil – vorzugsweise eine Bußarbeit, die die Angeklagte jedoch nicht aus ihrer Funktion, und Nutzen für die Eurynome entzieht. Das wäre alles.“, sagte der Anwalt von Jane.
Nach vielen langweiligen Beweisaufnahmen, und Zeugenverhören übergab der Richter wieder der Anwaltschaft der Sicherheit das Wort...
„Wo der Schluß naheliegt, Dr. Jane Willow ein mildes Urteil zu geben, um sie weiters für den Gemeinnutzen der Besatzung der Eurynome zu erhalten, bitte ich etwas wichtiges zu beachten: wir können uns in unserer Lage keine Fehler erlauben. Wir können uns nicht erlauben, Gnade walten zu lassen, und uns somit wieder der potentiellen Gefahr aussetzen, wieder hintergangen zu werden. Das nächste Mal, könnten wir eine Sabotage mit dem Leben bezahlen. Wir wissen, daß Dr. Jane Willow sich 2 Minuten und 34 Sekunden lang bewußt in Lebensgefahr begab, als sie den Zeitanomalie-Sensor sabotierte. Dies zeigt, daß aus einem Motiv, den wir immer noch nicht kennen – und welches noch immer vorhanden sein kann, sie fähig ist, sich selbst und die Schiffsbesatzung in Lebensgefahr zu begeben, um ein eigenes dem Forschungsauftrag und ihrer Funktion widerstrebendes Ziel zu erreichen.“, sagte die Anwaltschaft der Sicherheit mit wütender Bestimmtheit.
Der Richter schien der Anwaltschaft der Sicherheit wieder recht zu geben, und ich stand auf und schrie : „Sie hat es wegen mir gemacht !“
„Nein !!“, schrie Jane erschreckt auf, und blickte zu mir, mit tränenbenetzten Augen.
„Wer ist das ?“, fragte der Richter.
Das Sicherheitspersonal führte mich vor den Richter, und antwortete : „Ingenieur Daniel Houston“.
„Haben sie der Urteilslage etwas dazuzufügen ?“, fragte der Richter etwas genervt.
„Nein !!“,schrie Jane, obwohl sie auch wissen mußte, daß es schlecht um sie stand, und sie möglicherweise sogar die Verbannung zu erwarten hatte.
„Sie tat es aus emotionalen Gründen, mir gegenüber.“, sagte ich.
„Wieso das ?“, fragte der Richter.
„Es gab keine Aussicht auf eine Zukunft von uns beiden. Bei den Emoni konnten wir wegen den gesetzlichen Vorschriften nicht bleiben. Wir wären eingekerkert worden, bis zur Ankunft an die Heimatbasis der Eurynome, wenn wir uns widersetzt hätten. Hätten wir nichts gemacht, wären wir wegen der unterschiedlichen Verdienstpunktanzahl und Funktion, getrennt worden. Ich hätte keinen Antrag auf ihre weitere Missionen setzen können. Wenn sie nachsehen, bezüglich meiner Akten, verstehen sie warum. Jane wiederrum hätte nur unter den Missionen wählen können, welche das Forschungskomitee ihr vorschlägt. Hätte sie ihre Verdienstpunkteanzahl auf einem anderen Weg minimiert, dann wäre sie weiters vom Forschungskomitee auf eigens für sie ausgesuchten Strafmissionen geschickt worden. Ihr einziger Weg, wo sie sicher mit mir zusammenbleiben konnte, bestand darin, den Zeitanomalie-Sensor zu sabotieren.“, sagte ich mit einer Ruhe,die mich selbst verwunderte.
„Stimmt das ?“, fragte der Richter Jane.
„Nein!“, sagte Jane bestimmt.
„Verdammt noch mal Jane – du wirst verbannt !! Sag die Wahrheit – Bitte !“, konnte ich noch sagen, bevor mir der Mund gewaltsam verboten wurde.
Ein Lärm entstand im Saal, weil Hub sich neben mir stellen wollte, aber als der Richter um Ruhe schrie, wurde es wieder ruhiger. Ich hatte mich dennoch nicht beruhigt. Ich versuchte Jane mit meinen Augen zu beschwören – sie anzuflehen.
„Ich frage sie nochmal , Dr. Jane Willow : stimmt das, was Ingenieur Daniel Houston gerade sagte ?“, fragte der Richter wieder.
Jane überlegte nun länger. So lang, daß der Richter sie schon fast fragen wollte, ob sie ihn verstanden hätte. Dann aber sagte sie : „Ja, es ist im Großen und Ganzen so, wie Ingenieur Daniel Houston sagte.“.
„Gut.“, sagte der Richter mit einem Anflug von Erleichterung.
„Ingenieur Houston und Dr. Willow, an die Wahrheitswand stellen.“, befahl der Richter.
Sie stellten uns mit dem Rücken an eine Wand in der ein Lügendetektor eingebaut war; wo wir einander nicht hören konnten, nur den Richter, durch einen Helm. Vor uns jedoch war ein Pult mit einer Bedienfläche.
„Ich frage sie beide. Hat Ingenieur Houston zur Sabotage gezwungen ?“, fragte der Richter.
Ich wußte, daß Jane die Wahrheit sagen würde, also tippte ich auf „Nein“.
„War Ingenieur Houston beteiligt an der Sabotage ?“, fragte er wieder. Und wieder tippte ich auf „Nein“.
„Hat Ingenieur Houston angestiftet zur Sabotage ?“, fragte der Richter nun und ich wußte nicht, wie ich nun antworten sollte. Jane könnte auch so denken, daß sie gewissermaßen auch meine Antworten geben will – da wir nun einen gemeinsamen Weg beschritten. Kurz ging meine Hand zu „Nein“ – aber dann tippte ich unüberlegt, dennoch auf „Ja“.
Danach wurden wir wieder von der Wahrheitswand genommen.
„Sie haben alle Fragen ident beantwortet.“, sagte der Richter wieder erleichtert, und ich war froh. Jane aber weniger. Sie wußte, wie ich antworten würde – aber sie folgte unserem gemeinsamen Weg nur ungern.
„Gut, dann werden die Geschworenen gebeten sich zu beraten. In zwei Stunden wird dann von mir das Urteil verkündet.“ , sagte der Richter abschließend.

„Was fällt dir ein ? Bist du wahnsinnig ?“, sagte Jane vorwurfsvoll zu mir am Gang.
„Denkst du , du wirst freigesprochen, und alles ist wie früher ? Denkst du das ?“, erwiderte ich ihr.
„Vielleicht nicht – aber du verschlimmerst die Sache, wenn du sagst, ich habe aus emotionalen Gründen sabotiert. Man wird mich für unberechenbar deklarieren – für verrückt !“, antwortete sie.
„Du, die Anwaltschaft der Sicherheit hat den Richter schon überzeugt. Ich war näher bei den Geschworenen – sie machen auch einen zweiflerischen Eindruck, was das milde Urteil betrifft. Du wirst vermutlich verbannt werden – und ich möchte daß du eine Chance hast.“, sagte ich.
„Ja , aber...“ , fing sie an, doch ich unterbrach sie und fügte hinzu : „Du sagtest doch, ich soll zu dir stehen, wenns soweit kommen würde. Das tu ich nun. Ich will dich nicht allein lassen.“
Sie blickte verwirrt zu mir. Innerlich gab sie mir nun recht. Aber irgendwas in ihr sträubte sich noch immer gegen den Weg, auf den ich sie zwang.
„Nimm es so, das wir quitt sind. Du hast mich, ohne mein Wissen hierher geführt – ich übernehme ohne deinen Willen nun einen weiteren Teil des Weges.“, sagte ich ihr.
„Gut – schon gut.“,sagte sie mir in einem rechtgebenden Ton und lächelte mich leicht an. Ich war nun auch zufrieden, das sie nun einverstanden war.
„Ich möchte nicht von dir getrennt werden.“, sagte ich ihr und das baute sie wieder etwas auf. Es gab ihr vielleicht auch etwas Mut, die nächsten Stunden durchzustehen.

Die beiden Stunden vergingen schneller als wir dachten. Der Richter trat in den Raum, der an sich nicht als Gerichtsraum konzipiert worden war, und verkündete das Urteil.
„Wir haben beschlossen, Ingenieur Daniel Houston ebenfalls in die Verantwortung zu ziehen – und zwar in dem Maße, wie es für eine Anstiftung zur Sabotage üblich ist. Da Jane ansonsten jedoch als stabile Persönlichkeit gilt, trifft sie auch ein großes Maß an Schuld – im Grunde die Hauptschuld. Sie hätte sich Ingenieur Daniel Houston widersetzen können, weil dieser sie nicht zwang. Sie aber nahm von dieser Option wegen emotionaler Umnebelung nicht Gebrauch. Diese emotionale Umnebelung zeugt von Verantwortungslosigkeit, sodaß sie keinen verantwortungsvollen Posten mehr besetzen darf. Ausserdem wird sie mit sofortiger Wirkung suspendiert. Da der Anstifter in seiner Vergangenheit das Moros-Teleskop zerstörte, kann und muß davon ausgegangen werden, daß ihm ebenfalls nicht zu vertrauen ist. Die Anzahl der Verdienstpunkte ist zu gering, um bei beiden eine Entlastung der Strafe zu ermöglichen. Beide werden daher in getrennte Quarantäne gebracht, bis sich die Strafe vollziehen läßt. Die Strafe lautet für beide : Verbannung auf Lebenszeit. Ihnen wird, infolge ihrer Verdienste jedoch eine Überlebensquote von 80-90 % zuerkannt, wobei an diesem Anteil 40 % Doktor Jane Willow inne hat, und 60 % Ingenieur Houston – welches logarhythmisch zusammengerechnet 80-90 % ergibt, sodaß ein solcher Planet , der dies gewährleisten kann, erst einmal zu finden ist. Die Verbannung sieht vor, ihnen unter Umständen Werkzeuge mitzugeben, welche die Überlebensquote auf den geforderten Wert, anheben. Waffen jedoch werden in keinem Fall mitgegeben. Die Strafe wird mit sofortiger Wirkung vollstreckt. Gerichtsdiener : nehmen sie beide fest, und sperren sie beide in zwei Quartiere. Ihre Privatgegenstände dürfen beide behalten, und sollen ebenfalls in ihr Quartier gebracht werden. Beide bleiben, wie erwähnt, solange in ihnen, bis das Urteil in vollem Maße vollstreckt werden kann. Aufgrund der Beschränktheit auf das Raumschiff – aufgrund der Tatsache, daß keinerlei andere Möglichkeit besteht, andere Beweismaterialien vorzulegen, wie wir sie besitzen, und erwerben können, besteht kein Anspruch auf Berufung. Dieses Urteil ist rechtskräftig, und unumstößlich, im Sinne des Paragraphen 237, Absatz 4, des Weltraumstrafgesetzes der Föderation der Menschheit. Die Sitzung ist hiermit beendet.“, sprach der Richter.
Hub schaute zu mir, als ob er noch etwas machen wollte für mich – aber ich machte eine Geste, daß er es unterlassen soll. Er besann sich zum Glück und ging mit uns aus dem Raum. Jane sprach nicht auf den Weg zu ihrem Quartier. Sie schaute mich nicht einmal an. Es hatte sie womöglich schwerer getroffen, als sie selbst dachte. Sie war sicher noch nie wegen etwas verurteilt worden. Sie machte einen Eindruck, als hätten ihre Eltern sie gerade bei etwas Heimlichen erwischt. Sie machte den Eindruck einer Hilflosen, der bewußt war, daß sie nichts ändern konnte – und das ihr nichts helfen konnte.

Im Quartier fand ich ein Klo vor, sowie ein kreisrundes Becken am Boden, von etwa 40 Zentimetern Durchmesser .Darüber war ein Wasserhahn. Damit diente dies als Waschbecken und sporadische Dusche, zugleich. Ausserdem ein Bett über dem ein Regal war. Ansonsten gab es nichts. Der Raum war im Gesamten etwa 2 Meter mal 2 Meter groß und hatte kein Fenster. An der Decke war eine Kamera, ein Feuerlöschsystem, ein Lüftungsloch und die Lampe angebracht. Alles war für das Nötigste ausgerichtet. Nach einer Weile entdeckte ich auch ein Fach für die Essensausgabe - gegenüber des Bettes.
Ich wartete Stunden in der Stille des Quartiers, auf meine Sachen. Als ich sie bekam, waren einige Dinge nicht darunter, was ich aber verstehen konnte. Beispielsweise fehlte der medizinische Laser meines Vaters. Er gab ihn mir bevor er starb. Es war sein Lieblingsinstrument – womit er vielen Menschen das Leben gerettet hatte. Er konnte wie ein Zauberer damit umgehen. Mir hätts nun wohl zu einem Ausbruch verhelfen können – dachten wohl die von der Sicherheit.
Im Großen und Ganzen, hatte ich jedoch alles. Die Kugel, die mir die Emonianer schenkten, war aber auch nicht drunter. Wohl weil die von der Sicherheit nicht wußten, zu was es imstande war, ausser mit ihm philosophieren zu können. Die Photos, meine Kleider – und meinen Handheld gaben sie mir großzügigerweise. Besonders Letzterer würde mich wohl vor Langeweile bewahren.
Es war eigenartig : es war nur wenige Stunden her, daß ich alleine in meinem Raum war, aber schon vermißte ich Jane. Ich fragte mich, wie es ihr wohl ginge. Wie sie wohl mit dieser Einsamkeit auf kleinsten Raum konzentriert, zurecht kommt. Es war sicher härter für sie, als für mich, der vom Leben schon gezeichnet war. Aber das war es, was sie in Kauf nahm. Sie war sich sicher bewußt über das Risiko – vermutlich rechnete sie sogar mit allen Folgen. Ich fragte mich, ob ich mit ihr auf einem fremden Planeten überleben könnte. Wenn gesagt war : 80-90 % Überlebensquote, so hieß das, daß man das aufgrund unserer Ausbildung schätzte. Aber die Zeit, wo ich in der Akademie ein Monat lang auf einen fremden Planeten gegeben wurde – ohne Hilfsmittel, war vorbei. Ich erinnere mich kaum noch daran, welche Schritte da die Wichtigsten sind, und als erstes gemacht werden sollten. Die grundlegenden Sachen waren klar – aber damit hätte ich nicht mehr Überlebenschance, als irgendein Mensch, der noch nie in einer Raumfahrer-Ausbildung war. Jane würde von alldem sicher mehr verstehen. Verdammt, ich machte mir zuviele Gedanken. Es wird schon gutgehen. Hauptsache, ich war mit Jane zusammen.

Es war ungewohnt, ständig beobachtet sein zu können. Man konnte sich nicht fallen lassen. Man war ständig unter Spannung. Es ging sie schließlich einen Dreck an, wie ich mein kleines und großes Geschäft verrichte. Aber daran konnt ich wohl nichts ändern. Ich versuchte mich zu beherrschen. Die Zeit wurde unerträglich. Es war, als dauerte jeder Tag eine Woche – eine Uhr hatte ich nicht – ich wachte irgendwann auf – ich legte mich irgendwann schlafen. Aus dem Handheld waren die Batterien auch ausgegangen. Und Strom hatte ich keinen. Ich aß, wann ich bemerkte daß in der Essensausgabe Essen war. Ich fühlte mich wie ein Tier – wie ein Schlachttier – eingepfercht in einen Käfig – der sein Datum abwartet.
Mich wunderte, daß Hub mich nicht besuchte. Das Jack mich nicht besuchte, war klar – schließlich wäre es ein schlechter Eindruck auf die anderen gewesen, wenn er einen Sträfling Gesellschaft leistet. Ausserdem waren wir ja keine Freunde – sondern nur Altbekannte.
Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich mit mir selbst angefangen hatte zu sprechen. Ich hatte mir auch vorgenommen, die Tage anhand dessen zu zählen, wie oft ich schlief. Ich kam auf etwa 20 Tage – danach vergaß ich wieder die Zahl. Dann zählte ich erneut – und ich vergaß wieder die Zahl. Ich zog also einen Faden aus meiner Kleidung, und machte vor jedem Schlafen einen Knoten. Und so konnte ich durch die Zahl der Knoten die Tage bestimmen.
Ich hatte nun etwa 30 Knoten. Mittlerweile war mir auch ein langer brauner Bart gewachsen. Rasieren konnt ich mich nämlich nicht. Ich staunte darüber, daß niemand kam, um mit mir zu sprechen. Ich war wie vergessen. Vielleicht gab es die Besatzung gar nicht mehr ? Vielleicht hatte sie eine unbekannte Krankheit aufgeschnappt ? Ich verwarf den Gedanken wieder – denn es gab auch Ausserirdische an Bord. Und Cer hatte noch nie eine Krankheit gehabt – wenn überhaupt einer einen Virus also überleben könnte, dann Cer. Diese insektoiden Biester sind unglaublich robust. Verdammt, was redete ich für einen Schwachsinn ! Nein – ich muß mich beherrschen. Ich hoffe, Jane geht’s besser. Nein – wir dürfen nicht verrückt werden !
Plötzlich zischte die Tür... War es eine Illusion ? Eine Einbildung ? Der Ausgang gab eine uniformierte Person frei. Der Gang hinter ihr, wirkte fremd – fremder als in einem Traum – aber ich wußte, es war der altbekannte Gang, der auch zum Maschinenraum führte.
Ich blickte zu dem Gesicht, der Person. Es war Jack.
„Oh, der Captain höchstpersönlich.“, sagte ich höhnisch. Mir war irgendwie nicht nach Manieren. Jack aber schien davon eher unbeeindruckt zu sein. Er runzelte die Stirn, als ob er an einem viel größeren Problem gerade hinge – und sich gerade fragte, ob er es mir anvertrauen sollte. Vielleicht war es doch nicht so gut, meinen ersten Kontakt zur Aussenwelt so schnell zu zerstören.
„Hallo Jack.“, sagte ich ihm nun im Nachhinein – mit überlegter Stimme.
Auch dieses Eingestehen eines Fehlers, registrierte er nicht. Er starrte eine Weile am anderen Ende des Bettes, in die Leere. Sicherheitspersonal hatte er auch nicht mit sich, aber das hätte ich eh nicht von ihm gedacht. Sein Blick, irritierte mich aber.
„Wie geht es Jane ?“, forderte ich ihn erneut zum Reden auf, aber er blieb noch immer still.
„Verdammt was ist los ?!“ , schrie ich, worauf er wie aus einem Tagtraum zu erwachen schien.
„Wir sind verloren.“, sagte Jack mit gebrochener Stimme. Wahrscheinlich war ich der Erste, der das von ihm hörte. Als Captain durfte er nicht die Hoffnung verlieren. Er mußte als letzter kapitulieren. Aber er gab wohl schneller auf, als einige anderen des Schiffes, ohne das ich wußte was los war.
„Was ist los ?“, wiederholte ich ruhiger, und er blickte nun zu mir.
„Es ist nichts mehr da, was mal da war.“, sagte er.
„Natürlich,“, sagte ich und ergänzte „unsere Sonne, und all die anderen Sterne sind auf ganz anderen Positionen – sie sind unberechenbar auseinandergewürfelt worden.“
„Verdammt, das ist uns klar.“, sagte er mit nicht so wütender Stimme, wie er beabsichtigte, und fügte hinzu : „aber wir sind alle Frequenzen durchgegangen – wir haben sogar Notrufe auf allen Subraumfrequenzen versendet – nichts !“
„Habt ihr die Erde schon gefunden ?“, fragte ich.
„Ja, und etwa ein Dutzend anderer Hauptplaneten auch. Auf zwei Planeten sind wir sogar gelandet – aber die Oberfläche war leer – keine Gebäude – einfach nur natürliche Vegetation. Ansonsten stimmen aber ihre Eigenschaften überein.“, sagte er mit einem Anflug von Verwirrung.
„Wieso wurden wir nicht ausgesetzt ?“, fragte ich.
„Weil ein Hauptplanet nicht als Verbannungsplanet in Frage kommt“, anwortete er.
„Aber der Hauptplanet ist...“ – „er ist noch immer nach unserem Protokoll handzuhaben, wie gehabt.“, unterbrach Jack mich.
„Wir könnten euch auch freisprechen, wenn wir unsere eigenen Gesetze machen und biegen wollten.“, sagte er.
„Wie geht es Jane ?“, fragte ich.

„Sie ist ok – sie heult nur oft – ansonsten ist sie ok.“, antwortete er.
„Ihr Schweine...“ – „Hey, ruhig, Dany-Boy, ich richte mich auch nur an die Regeln. Wir sind immer noch Menschen, und Angehörige einer Föderation !“, sagte er bestimmt und drohend.
„Bitte, ich muß zu Jane – sie hält die Isolation nicht durch ! Das war nicht Teil der Strafe ! Unter normalen Umständen wären wir gar nicht solange unter Gewahrsam – Bitte !“, flehte ich beschwörend.
„Ok, ich schau was ich machen kann – 10 Minuten – unter Aufsicht des Sicherheitspersonals.“, sagte er. Ich wollte die Sicherheit nicht dabei haben, aber ich weiß, was Jack sich so schon antat, also dankte ich ihm.
„Was werdet ihr nun machen ?“, fragte ich in einer Art, wie nun entgültig deutlich wurde, daß ich nicht mehr zur Schiffsbesatzung zähle.
„Wir werden dich und Jane auf einen von Cer kartographierten Sternensystem aussetzen. Er liegt auf unserer Route. Eine Woche entfernt. In 4 Wochen müßten wir die Erde erreichen. Wir werden uns so und so, auf der Erde dann niederlassen – ob wir was vorfinden, oder nicht.“, sagte er kalt, aber gebrochen.
„Und wann kann ich zu Jane ?“, fragte ich.
„Wann die Verwaltung und die Sicherheit grünes Licht geben.“, sagte er, während er aufstand, um wieder zu gehen.
An der Tür hielt ich ihn jedoch mit einer Frage noch auf : „Wieso bist du gekommen ?“.
Er aber warf mir nur einen freundschaftlichen Blick zu, klopfte mir auf die Schulter und ging. Er kam mir vor, wie einer, der in kurzer Zeit sehr alt geworden war – obwohl ich gleichaltrig mit ihm war. Er hatte aufgegeben. Er sah sicher keinen Sinn mehr, auf der Erde Forschungen anzustellen. Es war ihm sicher klar, daß von der Menschheit, und all den Zivilisationen in der Galaxie nichts mehr übrig war. Er fühlte sich sicher alleine. Alleine mit seinen Gedanken. Er hoffte vermutlich auf Zuflucht bei einem der nicht mehr zur „alten Welt“ gehörte. Mir. Er bat vielleicht um eine Art Asyl – eine Art Verständnis für ihn. Aber die konnte ich nicht aufbringen. Dafür war er in der falschen Position – und in der falschen Liga.
Eigentlich wunderte mich, daß offenbar noch keiner den Gedanken an Meuterei hegte. Jack machte nicht den Eindruck , als ob Meutereigedanken im Schiff sich breitmachen.
Es konnte mir aber auch egal sein. Mir war nur mehr Jane wichtig. Wann ich sie wohl treffen würde ?
Es verging ein Tag – zwei Tage – und noch einer. Jack hatte sicher vergessen auf sein Versprechen. Aber eben, als ich ihn schon verfluchen wollte, öffnete sich die Tür. Einer von der Sicherheit war da und leitete mich in den Speisesaal, wo Jane schon wartete, mich jedoch nicht sofort erkannte. Wohl weil ich einen Bart hatte.
„Jane !“, rief ich zu ihr, sie schaute genauer hin, und schrie mit Tränen in den Augen: „Dan !“, und lief zu mir.
Sie presste sich fest an mich, und ich fühlte, wie sie weinte. Es war zu hart für sie.
„Ruhig Jane, es wird alles wieder gut – Bald ist es vorbei !“, beruhigte und tröstete ich sie. Es hätte mir peinlich sein können, so privat mit Jane vor der Sicherheit zu sein – aber das war es mir nicht – auch wenn sie gafften. Schließlich war ich wochenlang beobachtet worden mit ihrer Kamera. Auch Jane schien das nicht zu stören – ob aus demselben Grund, oder deswegen, sich lieber trösten lassen zu wollen, als zu schämen, weiß ich nicht.
Ich klärte sie auf, was Jack sagte – das sie nur noch ein paar Tage aushalten müsse. Sie blickte mich mit Augen an, die hoffen wollten. Und ich blickte sie mit der Hoffnung an, daß sie nun nicht zerbreche. Das sie noch ein wenig aushalte...
Sie flüsterte mir noch, wie sehr sie mich vermisse, und das sie es nicht aushalte – aber mehr als ich war, konnte ich ihr nicht geben. Ich konnte sie nur umarmen, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Dabei erblickte ich kurz Cer am Gang, der mir nun wie ein Freund vorkam. Ich weiß, daß er uns sicher einen Planeten gesucht hatte, wo die Überlebenschancen höher waren, als vom Gericht verlangt. Auch wenn er das mir gegenüber nie zugegeben hätte. Aber durch seine Körperstellungen, die mir nun freundschaftlich wirkten, schloß ich das. Er schaute auch länger als sonst zu mir und Jane – ging dann aber weiter, um nicht auffällig zu erscheinen. Kurz darauf wollte die Sicherheit uns wieder trennen, und uns zu unseren Quartieren führen, doch ich wehrte mich – riskierte es – um Jane noch einen Kuß auf die Lippen zu geben. Danach führte uns beide das Sicherheitspersonal ab.

Jack und Cer hatten richtig versprochen. Am übernächsten Tag kam die Sicherheit wieder in mein Quartier, um mich mit Jane zum Shuttle zu begleiten. Ich packte noch schnell meine Sachen in zwei Plastiktaschen und ging mit ihnen.
„Was ist mit dem medizinischen Laser ?“, fragte ich beim Shuttle.
„Die Verwaltung hat entschieden : sie dürfen eines von beiden wählen : 1 Woche mehr Wasser, oder ihr medizinischer Laser.“, sagte der, der mich begleitete. Ich blickte zu Jane, die nun auch da war, und ich bereute nicht, mich verraten zu haben, um sie nun begleiten zu können.
„Und wie stets mit dem Geschenk der Emonianer ?“, fragte ich weiters.
„Das ist konfisziert, weil nicht feststeht, um wieviel Prozent sich durch dieses Objekt ihre Überlebensquote erhöhen würde.“, sagte er wie ein Automat.
„Nettes Forschungsschiff.“, fügte ich zynisch dazu.
Er aber stieß mich mit Jane zum Shuttle, und legte uns beiden Hand- und Fußschellen an. Das störte mich gar nicht, weil ich nun endlich mit Jane zusammen war. Wir freuten uns, als ob wir gerade in unsere Freiheit flögen. An die Überlebensquote dachten wir gar nicht. Wir blickten uns nur an – die meiste Zeit wortlos – und freuten uns übereinander.
Im Hintergrund liefen derweil die Startvorbereitungen: Starterlaubnis, und so. Früher als ich erwartete, rukelte das Shuttle, und wir hoben ab, und flogen durch das Dock, hinaus ins Freie. Ich sah nun den Planeten. Er hatte Meere – schien aber sonst einen schwefeligen Boden zu haben. Die Eurynome, die schnell hinter uns lag, schien einen engen Orbit zum Planeten gebildet zu haben. Es war nicht gerade ein Standard-Orbit. Soviel zu den Normen, die eingehalten werden müssen.
Ich und Jane, blickten uns im Shuttle um. Sie hatte auch zwei private Taschen mit. Ausserdem gab es 6 Kanister, die mit Dingen zum dauerhaften Überleben gefüllt waren. Sicher nicht mehr als etwa 50 Kilogramm insgesamt – das wußte ich von meiner Ausbildung. Denn zum Überleben muß man die Möglichkeit haben, mobil zu sein. Ansonsten gab es in dem kleinen Raum noch ein paar Werkzeugkisten, die jedoch zum Shuttle gehörten. Irgendwie redeten ich und Jane den ganzen Flug lang nicht viel. Viel eher, bereiteten wir uns auf das Neue vor – indem wir den Planeten von oben genau beobachteten. Es war keine Insel auf die sie uns flogen – und wenn, dann war es eine sehr große, weil sich an der Planetenkrümmung ihre Grenze verlor. Ich sah es Jane an, daß sie, obwohl sie befriedigt über dieses Ereignis war, eine Anspannung überkam, die ich zu deuten versuchte. Sicher holte sie ihre Erinnerungen an ihre Ausbildung herauf. Versuchte nun taktisch und logisch zu denken, um die größtmögliche Überlebenschance zu erdenken. Dasselbe tat ich. Ich kannte diesen Planeten nicht. Vielleicht war er ja bekannt – aber hatte sich in den vielen hundert Millionen Jahren zur Unkenntlichkeit verändert. Nun, ich konnte wenigstens schätzen, daß wir etwa 2000 Lichtjahre von der Erde entfernt sein mußten, denn die Eurynome konnte in 3 Wochen diese Entfernung zurücklegen. Die Sonne wäre also sicher nicht zu sehen, mit bloßem Auge. Ich legte diese Gedanken aber wieder beiseite.
„Jane, wir werden es schon schaffen.“, sagte ich zu ihr. Sie nickte kurz, und lächelte – schaute dann aber wieder zur Oberfläche. Es war nicht mehr weit. Wir mußten auf etwa 20 Kilometer Höhe sein. Von hier ab, gings schnell. Innerhalb 10 Minuten waren wir gelandet.
Die Luke öffnete sich mit einem Zischen, und ein karger Boden entblöste sich hinter ihr. Es roch auch etwas nach Schwefel, wodurch sich meine Vermutung also bestätigt hatte. Wir richteten die Kanister, um sie leichter von der Luke heben zu können, doch da kam schon der schroffe Befehl : „Aussteigen !“. Ich blickte in die Richtung der Stimme, und sah den einen von der Sicherheit, in einem Raumanzug gekleidet. So genau hatten sie den Planeten offenbar nicht auf Keime und Gesundheitsrisiken untersucht. Ich zeigte ihm meine Hand- und Fußschellen, und er machte sie mir und Jane auf.
Ich stieg aus, und versuchte die Kanister schnell vom Shuttle zu schaffen, da wollte ein anderer Jane grob vom Shuttle reißen. Ich ergriff ihn aber, und schrie : „Verdammt, was soll das ?“.
„Victor, laß sie nur – sie werden eh nicht überleben. Machen wir uns keinen Streß mit denen.“, sagte der der mir die Handschellen öffnete. Der der Victor hieß, wollte offenbar schon seine Waffe ziehen, aber er besann sich. Wir schufen, so schnell wir konnten die Kanister vom Shuttle, und die Sicherheitsleute stiegen wieder ins Shuttle. Es hob schneller ab, als üblich, und hinterließ uns in einer dichten Staubwolke.
Als sich der Ärger über den unhöflichen Begleitservice gelegt hatte, machten ich und Jane Inventar.
„Nun, wir haben Wasser und Verpflegung für 2 Wochen – ausserdem einen Medizinkasten, eine Zeltplane, 2 Matten, ein Allzweckwerkzeug, einen Kompaß, Schreibmaterial, Winterkleidung, Feste Kleidung, ein paar Decken,und ein Messer.“, sagte Jane, wobei sie den Großteil aufgezählt hatte.
Ich blickte währenddessen in eine gelborange Ferne.
„Hast du gehört ?“, fragte mich Jane.
„Was schlägst du vor, als Fremdenführerin “, sagte ich ihr humorvoll, und setzte fort : „bleiben oder gehen ?“.
Sie lächelte mich an, und stellte sich in eine Pose, als ob sie die Antwort eher von mir haben wollte. Ich aber schwieg, schaute sie an, und wartete auf ihre Antwort. Ich wußte, sie würde in jeder Lage besser entscheiden können, weil ihre Ausbildung weniger lange zurücklag, als meine.
„Gehen !“, sagte sie, in einem Ton, der fast schon spontan klang.
„Das heißt : die Hälfte Wassermenge.“, sagte ich beiläufig.
„Ich weiß !“, sagte sie, in einer Art, als ob sie nicht belehrt werden wollte.
„Hälfte Wassermenge“ hieß, daß unser Wasser nur eine Woche, anstatt Zwei, reichen würde, wenn wir gehen, um einen besseren Platz zu suchen. An sich war es keine schlechte Idee, zu „Gehen“, denn wir wurden sicher auf einen durchschnittlichen Ort niedergesetzt. Es gab sicher bessere Orte – aber auch schlechtere.
„Welche Richtung ?“, fragte mich nun Jane, und ließ es nicht zu, daß ich die Antwort ihr überließ. Ich versuchte all mein altes Wissen aus dem Vergessen herauf zu beschwören...
„Nun, wenn ich richtig gesehen hab, war die Eurynome an einem nahen Orbit – was nur bei kleineren Planeten sinnvoll ist. Deswegen nehm ich an, daß dieser Planet klein ist. Ausserdem dürften wir einige Breitengrade über dem Äquator sein. Die Sonne scheint fern zu sein – da wir aber hier Zimmertemperatur am Tage haben, müssen wir uns auf eine kältere Nacht einstellen. Ich würde also in Richtung Süden gehen. Der Küste entlang. Vegetation gibt es – vermutlich auch soetwas wie Fische. Und bei der Küste sind wir immer in einer gemäßigten Zone.“, sagte ich, und sie wunderte sich, wie sehr ich die Richtung begründen konnte.
„Na unter den weißen Haaren ist ja doch noch Hirn.“, sagte sie scherzend.
„Diesen Scherz will ich mal überhört haben.“, sagte ich abtuend, aber im Lachen mit ihr.
Wir verteilten die Lasten zu 30 : 20 Kilogramm, und ich trug natürlich die schwerere Last. Sie warschien schwer, da ich in der letzten Zeit ja in meinem Quartier war, und nicht zu meinem Besatzungs-Training konnte. Aber auch Jane war die Last zuviel, und so nahm ich ihr noch etwas ab. Dennoch machten wir oft Pausen, und der Humor verging schnell. Wir bangten nun, ob uns mit dem Elan die Verpflegung eine Woche reichen würde. Es war klar, daß das Wassergewicht am meisten einnahm. Und dieses würde schließlich weniger werden mit der Zeit.
Auf dem Weg durch diese steppenartige Küstenlandschaft erblickten wir einige Heuschrecken, die ein Bein nur hatten, unter ihrem Körper, mit denen sie jedoch sehr weit springen konnten. Sie bewegten sich in kleineren Gruppen weiter und ernährten sich vermutlich von den kärglichen Pflanzen. Das Meer war sicher einige Kilometer entfernt. Wir sahen jedoch nicht viel Grund, entlang des Ufers unsere Wanderschaft zu machen.
Die Eurynome konnten wir eine Weile lang als Punkt am Himmel ausmachen, dann aber wurde sie von einer Wolke verdeckt. Sie warteten bestimmt nicht lange, mit dem Abfliegen.

„Wir sollten mit der Verpflegung sparen, wenn wir schon mit dem Wasser nicht sparen können, und uns mal die Tierchen hier zu Gemüte führen, um uns an sie zu gewöhnen. Das Essen das wir haben ist noch viele Jahre gut, und es könnten Zeiten der Not kommen, wo uns dieser Luxus gelegen käme.“, sagte ich während des Gehens.
„Einverstanden.“, sagte Jane, und schnappte sich gerade eine hüpfende Heuschrecke auf und ergänzte : „..dann geh du mit gutem Beispiel voran !“. Dabei übergab sie mir das Insekt, und war neugierig, was ich tun würde.
„Gut das Cer nicht da ist.“, sagte ich schnell, um meinen Ekel zu überwinden, und kaute 2,3 mal an der Heuschrecke, und schluckte sie in zu großen Stücken hinunter. Ich hatte schließlich auch keinen Hunger – aber ich wußte, wie notwendig es war, daß ich und Jane uns so früh wie möglich an solch eine Kost gewöhnen. Es war überhaupt nicht sicher, daß es Vögel, oder Säugetiere gab, die man braten konnte. Jane blickte etwas verwundert, und ich sah es ihr an, daß sie ebenfalls daran arbeitete, ihr Ekelgefühl zu besiegen. Aber dies würde noch die geringste Herausforderung werden. Vor uns lag die Herausforderung. Das Ungewisse. Leben oder Tod. Aber vielleicht erging es uns gar nicht soviel schlechter, als denen auf der Eurynome. Vielleicht war die Erde in einem noch schlechteren Zustand, als dieser Planet. Die auf der Eurynome standen im Grunde auch vor dem Ungewissen. Nur mit dem Unterschied, daß sie bessere Chancen hatten – da ihre Chancen nicht künstlich bestimmt wurden. Wir aber könnten nun geradewegs in unser Verderben gehen. Ich mußte wieder an Jane denken, und blickte schnell zu ihr. Ich sah sie, wie sie keine Mühe daran verschwendete, mit mir zu sprechen – sondern etwas gebückt unter ihrer Last, mit Schweißperlen im Gesicht, keuchte, und sich voranschleppte. Ich hoffte in diesem Augenblick nur, daß sie es schaffen würde. Wenn sie es schafft, würde ich es schon schaffen. Aber wir waren nun auf uns alleine gestellt. Wenn einem von uns beiden was zustoßen würde, würde der Andere auf sich gestellt sein – und das kann gleichgestellt werden mit dem Tod... Was vielleicht gar nicht mal so schlimm wäre. Viel schlimmer wäre die Einsamkeit. Wir waren aufeinander angewiesen, schon um nicht verrückt zu werden. Wir kannten die Einsamkeit – die Leere allein zu sein – von den Quartieren. Und Jane wäre daran beinahe gebrochen. Nicht weil sie so zart war... sie mag durchaus auch ihre Stärken haben, aber Isolation war ohne Zweifel, eine ihrer Schwächen. Ich blickte wieder meines Weges. Zum gelben Boden, der sich hügelig gen Horizont verlor, in unsere Ungewissheit...
Die Sonne ging viel zu schnell unter, und wir waren nur wenig vorangekommen. Ich und Jane bestimmten unabhängig voneinander die Tageslänge. Bei uns beiden kamen etwa 15 Stunden heraus. Damit war wohl jede Nacht ungefähr siebeneinhalb Stunden lang.
Wir sprachen auch am Abend nicht viel – zu sehr konzentrierten wir uns auf unsere Kräfte. Aber das erste Mal schliefen wir nebeneinander. Es war eine kalte Nacht, aber nicht wirklich unangenehm kalt. Ich war auf schlimmeres vorbereitet. Dennoch kuschelten wir uns aneinander. Dies milderte den Eindruck des mittlerweile störend erscheinenden Geruchs von Schwefel, in der Luft.
Am nächsten Morgen erwachte ich alleine auf der Matte. Jane war draussen, und versuchte einiges über die Oberfläche herauszufinden – dies tat sie aber mehr oder weniger faul. Sie stocherte nur etwas im Boden rum.
„Was machst du da ?“,fragte ich sie.
„Ah, auch schon wach. Ach, ich habe ein paar interessant duftende Blüten gefunden. Vielleicht wären sie gut für einen Tee ! Aja, und wenn der Wind aus Südosten weht, riecht irgendwie frischer – nicht so schwefelig.“, antwortete sie.
„Das ist gut – dann behalten wir die Richtung bei.“, sagte ich.
„Hast du auch so einen Muskelkater von gestern ?“, fragte sie mich.
„Mhm.“, nickte ich. Wir beide wußten, daß das irrelevant war. Wir durften nicht stehenbleiben – wir hatten uns schon entschlossen...
Wir packten die Sachen zusammen; tranken und aßen noch ein wenig, und machten uns wieder auf den Weg.
„Ist es nicht toll ?“, fragte Jane mich.
„Was ?“, fragte ich.
„Wir zwei hier – ich weiß, es gibt schönere Orte – aber im Grunde können wir es schaffen – wären wir dann nicht glücklich hier ?“, klärte sie mich über ihren Gedanken auf.
„Hmm...wie Adam und Eva, die vom Paradies vertrieben wurden, weil sie von der verbotenen Frucht aßen.“, sagte ich scherzend.
„Nein, im Ernst, wie findest du es ?“, fragte sie neugierig.
„Ich weiß nicht.“, antwortete ich, während ich mich umschaute – um irgendetwas zu finden, was ich wertvoll an diesem Planeten finden konnte.
„Ich mein, hier können wir doch tun und lassen was wir wollen – keine Gesetze – alles offen !“, sagte sie mit einem Anflug von Begeisterung. Ihr schienen alle Schuldgefühle der letzten Wochen, wie weggeblasen.
„Es ist jeder Ort schön, wo ich mit dir zusammen sein kann.“, sagte ich ihr nun. Ich meinte es auch so. Spontan griff sie nach meiner Hand, und drückte sie fest. Sie war das Einzige, was mir an diesem Planeten gefallen konnte. Wir gingen nun die ganze Zeit Hand-in-Hand – ausser in unwegsameren Geländern. Danach jedoch ergriff sie sofort wieder meine Hand. Auf die Dauer erschien mir das etwas kindisch – aber wer konnte uns dabei sehen ? Ein Gefühl von Freiheit überkam mich. Ich fühlte mich, wie entgültig losgelöst von all meinen Pflichten. Offenbar erging es Jane genauso. Offenbar sogar vorher als mir. Schließlich war sie es, die mich in dieses Gefühl reinriß.
„Achja, und schau was ich noch gemacht habe !“, sagte Jane, und reichte mir ein Stück Papier. Es war eine maßstabsgetreue Zeichnung des Geländers, welches wir seit gestern gegangen waren. Es war eine ausserordentlich nützliche und sehr gute Zeichnung. Sogar die Orte, die feuchter waren, oder mehr Gestrüp hatten, waren verdeutlicht.
„Toll.“, staunte ich und fügte hinzu : „Wann hast du das denn gemacht ?“.
„Gestern Abend – da bin ich noch kurz aufgestanden. Konnte bei dem Schwefel nicht so gut schlafen , und da zeichnete ich das. Eigentlich war das Pflicht auf der Ausbildung !“, sagte sie belehrend, und doch mit scherzhaften Unterton.
„Jaja, ich weiß...“, sagte ich zustimmend. „Ok, dann bin das nächste Mal ich dran !“, meinte ich zu ihr, augenzwinkernd. Daraufhin lachte sie und machte eine abtuende Handbewegung.

Unser Wasservorrat erschöpfte sich schneller als ich befürchtete. Ich gönnte Jane natürlich das Wasser, obwohl sie mehr trank als ich. Ich wollte das Wasser nicht in Rationen teilen. Sie war schließlich auch länger wach als ich, und machte mehrere nötige Arbeiten, die ich nur ungern machte. Nach einigen Tagen Marschieren verklang der Muskelkater. Ausserdem zeigte sich in der Ferne eine Gebirgskette, die aber küstenseitig erschien. Ich und Jane stimmten darin überein, nicht enger an die Küste zu gehen, um das Gebirge zu umgehen. Wir wollten, aus unerfindlichen Gründen lieber mehr im Landesinneren bleiben.
Die Blüten die Jane für einen Tee vorschlug, eigneten sich wirklich dafür. Sie kochte damit einen Tee, der wie eine Mischung aus Pfefferminz- und Kamillentee, schmeckte. Obwohl wir keinen Zucker hatten, schmeckte der Tee durchaus süßlich. Sie benannte die Blume und den Tee auch ganz stolz, nach sich selbst, wobei der Tee zum „Willow-Tee“ wurde, und die Blume zur Janeblume. Insgeheim hoffte ich jedoch lieber, daß wir wirklich sinnvolle Früchte vorfinden würden. Auch die Insekten waren auf Dauer keine sehr nahrhafte Lösung zum Überleben. Wir mußten einfach auch größere Tiere finden – und vor allem mehr Vegetation.
Den „Point of no Return“ hatten wir am nächsten Tag auch überschritten. Es war auch Janes Entschluß. Ich hätte es aber durchaus respektiert, wenn sie wieder zum Ausgangspunkt zurück hätte wollen. Schließlich war es sicher, daß man dort, irgendwie überleben konnte. Da wir nun aber diesen Punkt überschritten, konnten wir nicht mehr zurück. Wir hätten am Ausgangspunkt nicht mehr genug Ressourcen, um uns dort eine sichere Existenz aufzubauen. Zumindest war es aber ungewiß. Genauso ungewiß im Grunde, was vor uns war. Dennoch: ein Hoffnungsschimmer zeigte sich jetzt schon : die Vegetation war etwas dichter geworden. Höheres, dichteres Gestrüp. In der Ferne aber zeichneten sich schon grünere Hügel ab. Wir hatten es geschafft. Wo Grün war, war bestimmt auch genug Wasser – aber sicher auch neue Gefahren. Neue Gefahren...

Am nächsten Morgen legte mir Jane etwas schleimiges auf die Brust. Ich schreckte auf, und sie lachte laut. Sie hatte Spaß daran gefunden, mich erschreckt zu haben. Ich wiederrum war irgendwie froh, daß sie noch so gute Laune hatte. Ich schmiß instinktiv den Schleimer in die eine Ecke des Zeltes, und er wollte sich schon davonmachen, aber Jane schnappte ihn sich wieder geschickt. Es wirkte wie ein großer brauner Blutegel, mit Schuppen, die nach hinten hin immer größer und härter wurden. Es war ein ekelhaftes Vieh, und schnell wie Ungeziefer. Jane hatte vor ihn zu essen – als eine Art Mutprobe, weil ich die Heuschrecke gegessen hatte. Sie wollte mich also irgendwie toppen. Ich nahm ihr nicht ab, daß sie dieses Viech ißt. Aber sie tat es ! Sie schälte das Tier, von den Schuppen, wobei ihre Hände blutig vom Tier wurden. Danach legte sie es auf unser ausgegangenes aber noch glühendes Lagerfeuer, und bratete es. Es war ein widerlicher Anblick , wie sich das Tier aufquoll, und klumpiges Eiweiß wie Geschwüre, aus seiner Haut sich herausbildete – und Jane schien der Ekel auch ins Gesicht geschrieben, auch wenn sie sich aufspielte. Aber dann biß sie ab, und meinte, es schmecke nach angebrannten Weintrauben. Ich mußte über diese Bezeichnung lachen. Unsere Laune war vermutlich auch deswegen so gut, weil wir schon stets die grünen Hügel im Auge hatten. Sie fragte mich, ob ich auch probieren wollte, aber ich hatte keinen Hunger mehr. Nach Vorschrift durfte eigentlich nur einer immer eine unbekannte Tier- oder Pflanzenart probieren. Aber in dieser Freiheit war es schwer, sich an Vorschriften zu halten – vor allem, weil man sich eben nicht an Vorschriften halten mußte.
Am Nachmittag wurde Jane schlecht. Sie meinte, sie hätte nichts, und es sei nur die Sonne, aber es beängstige mich, wie sie sich an mich stützte, und versuchte die Müde vorzuspielen. Irgendwas stimmte nicht. Sie wurde bleich, und wir mußten Pause machen. Ich meinte, ob es vielleicht von diesem Blutegel kommen könnte, aber sie verneinte schnell. Dann aber meinte sie, es könnte sein, daß ich recht habe. Sie schien verwirrt zu sein, und ihr war heiß. Der Schweiß perlte ihr von der Stirn, als ob wir gerade in der Sahara einen Marsch gemacht hätten. Dabei waren es gemütliche 22 Grad Celsius, und der Wind wehte auch erfrischend.
Als wir wieder weitermarschieren wollten, konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich beschloß das Zeltlager vorzeitig aufzurichten. Fünf Stunden früher als geplant.


  
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6. Frühstücksausgabe.
von J.K. Rowling,
Klaus Fritz
Siehe auch:
Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter 6)
von J.K. Rowling
Tintenblut
von Cornelia Funke
Harry Potter und der Orden des Phönix. Bd.5.
von Joanne K. Rowling
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6
von J.K. Rowling, Klaus Fritz (Übersetzer)
 
   
 
     

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